Adrienne Braun, Kulturjournalistin
BERND MATTIEBE: DAS GELBE ZIMMER – AN MONET GEDACHT
Eröffnungsrede zur Ausstellung in der Galerie ABTART, Stuttgart
Am 17. April 2026
Ich freue mich, Sie begrüßen zu dürfen und würde Sie bitten: Denken Sie an Gelb, Denken Sie ganz, ganz intensiv an Gelb und stellen Sie sich vor, sie würden eintauchen in eine gänzlich gelbe Welt.
Gar nicht so einfach – und doch will ich versuchen, Sie geistig mitzunehmen rüber ins Studio in die Ausstellung von Bernd Mattiebe, die für die Galerie AbtArt durchaus ein Experiment ist. Denn sie präsentiert sich im Studio nicht im White Cube, wie Sie ihn kennen und er üblich ist im Kunstbetrieb. Der White Cube als neutraler, quasi nicht existenter Raum, der die Kunst störungsfrei zur Geltung bringen soll. Nichts, was interagiert mit den Werken, grad so, als wolle und solle sie nicht von der realen Welt tangiert werden, sich nicht auf sie beziehen müssen. Kunst als abgehobene Sphäre, entrückt vom Hier und Jetzt.
Falls Sie je schon mal in Giverny waren im Garten von Claude Monet, so ahnen Sie, was er vom White Cube gehalten hätte. Denn die Blumen blühen hier in einer solchen Pracht und farblich delikat, dass kein Zweifel daran besteht, welche Rolle Farben für Monet spielten. Da kam es ihm zupass, dass es Mitte des 19. Jahrhunderts eine Art Farbrevolution gab und neue synthetische Pigmente auf den Markt kamen, die leuchtender und satter waren als alle Farben, die es bis dato gegeben hatte.
Und diese Begeisterung für Farben lässt sich auch an Monets Wohnhaus ablesen, in dem er nicht nur die Wände farbig streichen ließ, sondern auch das Mobiliar – und zwar Ton in Ton. So waren in seinem Esszimmer auch der Kaminsims und die Lampe, die Stühle und Vitrinen, Beistelltische und Türen in Chromgelb getaucht, das selbst an Regentagen den Eindruck von Sonnenlicht vermittelte. Verständlich, dass es schon einen wahren Hype um das Monet-Gelb gab und Touristen nach dem Besuch von Giverny mit diesem Gelb leben, sich mit ihm umgeben wollen.
Denn es geht letztlich nicht nur um eine Farbe, sondern um ein Gefühl. Dieses farbige Interieur, bei dem Monet so sorgfältig Farbklänge inszenierte, lässt uns spüren, dass wir sinnliche Wesen sind. Farben können ganz unmittelbar Emotionen evozieren, sie können uns frösteln machen oder fröhlich stimmen. Und das ist ein Effekt, ohne den die Malerei von Bernd Mattiebe nicht denkbar wäre, die ein Plädoyer für die Kraft der Farbe ist.
Seine Farben sind so stark, so präsent, dass sie die Betrachter förmlich in einen Dialog verstricken. An seinen Gemälden kann man nicht einfach vorübergehen, weil diese abstrakt-expressionistischen Kompositionen extrem präsent sind, laut, forsch, frisch. Wie eine lebendige, auratische Persönlichkeit ziehen sie die Aufmerksamkeit auf sich. Diese Gemälde haben eine Wirkkraft, deren Intensität man sich kaum entziehen kann.

Es ist vermutlich evolutionär angelegt, dass starke Farben unsere Aufmerksamkeit magisch anziehen. Unser Gehirn wurde darauf programmiert, in der Natur nach gesättigten Farben zu suchen, weil die zum Beispiel reife, süße Früchte versprechen. Ein Phänomen, das Bernd Mattiebe auf besondere Weise für die Kunst nutzbar macht, sodass bei der Rezeption seines intensiv leuchtenden Blaus oder dem saftigen Hellgrün eine komplexe neurologische Kaskade ausgelöst wird, die weit über das bloße Sehen hinausgeht. Man weiß heute, dass besonders leuchtende Farbtöne die Produktion von Dopamin und Serotonin anregen. Anders gesagt: Die Malerei von Bernd Mattiebe kann Glücksgefühle und Wohlbefinden evozieren. Sie wirkt unmittelbar auf das Subjekt ein.
Das ist Programm, denn Bernd Mattiebe gehört zu einer Künstlergeneration, die für die Freiheit und Emanzipation des Individuums sehr hoch rangieren und die der Subjektivität einen hohen Stellenwert einräumt. Statt Menschen zu normieren und auf Funktion zu trimmen soll dem Potenzial eines jeden Freiraum gewährt werden. Das hat durchaus eine politische Dimension, denn die Idee einer freien künstlerischen Entfaltung des Individuums repräsentiert symbolisch eine freiheitliche, demokratische Gesellschaft.
Und so orientierte sich Bernd Mattiebe bei der künstlerischen Produktion noch nie an Trends und Moden, sondern folgte von Beginn an nur einer Stimme, seiner eigenen. Sie lenkt und leitet seine Hand auf der Leinwand. Die Intuition hat einen wesentlichen Anteil am Herstellungsprozess. Das Bild entsteht in einem permanenten Dialog zwischen dem Künstler in seiner jeweiligen Stimmung, auf die die korrespondierende Malerei eine Antwort gibt, was wiederum neue Gefühlskaskaden auslöst – auch beim Künstler.
Dabei öffnet auch der Zufall Bernd Mattiebe immer wieder neue Perspektiven und Wege, auf die er wiederum reagiert.
Bloß: Gibt es den Zufall überhaupt? Speist er sich nicht ebenfalls aus dem künstlerischen Subjekt?
In Grunde ist der Malprozess bei Bernd Mattiebe eine stete Selbstbefragung, ein Vordringen zu dem, was das eigene Ich hervorbringt und vielleicht auch ausmacht, teils bewusst gesteuert, zu großem Teil aber auch ohne die reflektierte Kontrolle durch das Bewusstsein. So stellt sich immer wieder die Frage: Wer ist es, der hier malt?
Auch wenn Bernd Mattiebe sagt, dass er vor allem auf das reagiere, was plötzlich auf der Fläche entstehe, ist doch ein Gutmaß an Lenkung nötig. Denn das Setting dieser Malerei ist nicht ohne Tücke: Die sichtbare, nicht grundierte Leinwand ist ein wichtiger Akteur innerhalb der Kompositionen und verzeiht nichts. Gemalte Partien können übermalt werden, aber es ist nicht reversibel, wenn der Stoff erst einmal verschwunden ist – und im Dialog mit den Farben nicht mehr mitsprechen kann.
Um aus dem Nähkästchen zu plaudern: Es passiert durchaus, dass Bernd Mattiebe Bilder nach tagelanger Arbeit abspannt und entsorgt – wenn eine Stimme in ihm hierzu das Kommando gibt.
Auch wir als Betrachtende werden im Grunde bei der Malerei von Bernd Mattiebe, so farbgewaltig, stark und selbstbewusst sie daherkommen mag, letztlich immer auch auf uns selbst zurückgeworfen – und auf diese Grauzone des Ichs, das reflexhaft auf Reize reagiert auf – ohne unser Zutun. Bernd Mattiebe bezeichnet seine Malerei selbst als emotionale Bilder – und im Idealfall übertragen sich seine Emotionen, die er den Motiven eingeschrieben hat, auf uns. Überprüfen können wir das kaum, denn wie jeder von uns fühlt, lässt sich vielleicht mit Worten beschreiben – und doch wissen wir nicht, ob das, was wir im Schatzkästchen unseres Selbst erleben, vergleichbar ist mit dem, was andere spüren.
Zu Beginn seiner Karriere hat Bernd Mattiebe noch ein breiteres Spektrum an Farben genutzt, inzwischen konzentriert er sich auf die Grundfarben Rot, Blau und Gelb – gelegentlich ergänzt durch Grün und Schwarz. Er benötigt nicht mehr – um doch die gesamte Klaviatur an Sinneneindrücken bespielen zu können. Denn die Wirkung beruht nicht allein auf den Farben selbst, sondern korrespondiert ganz wesentlich mit der Komposition.
Immer wieder tauchen geometrische Formen auf. Sie wollen keine Bedeutung simulieren, haben aber eine wichtige Funktion innerhalb des emotionalen Ausdrucks: Denn im Kreis ist die Farbe wie in ein Korsett eingesperrt. Punkte oder Ringe sind abgezirkelte und zugleich dynamische Elemente, die sich die Farbe plötzlich unterordnen. Durch das raffinierte Zusammenspiel von diesen verfestigten Formen einerseits und den sich entfaltenden, freien, luftigen, tuffigen, fluffigen Farbpartien andererseits, entstehen mal spannungsreiche, mal harmonische Kompositionen, die ebenfalls innere Zustände spiegeln und zum Ausdruck bringen.
Befreit vom Als-ob, befreit von Assoziationen suchen wir auf den Gemälden nicht – wie wir es so oft und fast zwanghaft tun – wiedererkennbare Gegenstände, reale Bezüge zur schnöden Wirklichkeit. Nein: Es ist ein schönes Erlebnis, ausnahmsweise nicht am Gängelband der Dinge zu hängen, sondern einzutauchen wie in Wasser, in Farbe zu baden und eben nicht sofort auszuweichen auf die Ratio, die es liebt, sich an vorschnelle Erklärungsmodelle zu klammern.
Dieses Gefühl von Freiheit wird noch durch eine weitere Strategie verstärkt: Bernd Mattiebe beschränkt sich nicht auf die sichtbare Fläche, sondern verweist immer auf den Umraum, in den sich die Malerei imaginiert fortsetzt. Und diesmal führt diese Erweiterung des Bildraums nicht in den abstrakten White Cube, sondern zu Monet. So darf man gespannt sein, wie die Kompositionen in einen weiteren Dialog gebracht werden. Es sind nicht die exakten Farben, die Monet im Wohnhaus wählte, aber es sind Farbnuance, die in seinen Blumenbeeten selbstverständlich waren.
Seien Sie gespannt, welche Stimmungen Sie erwarten – und wie Sie abfärben auf jeden Einzelnen von Ihnen. Was auch immer zum Klingen gebracht werden sollte, es sind Ihre ganz subjektiven Emotionen. Spüren Sie in sich hinein und erleben Sie, dass nicht nur die Gedanken frei sind, sondern auch die Gefühle.